Review: Sehnsucht nach Winnie

18th Oktober 2013
Sehnsucht nach Winnie
Standalone
MG •

Als Eva erfährt, dass Winnie, das temperamentvolle Haflingerpony, weggegeben werden soll, schmiedet sie Pläne. Sie will ihre Eltern überreden, das Pferd zu kaufen. Eva weiß genau, was es bedeutet, ein eigenes Pferd zu haben, denn sie hat jahrelang ein Pflegepferd versorgt.

Da taucht Maren auf. Von Pferden versteht sie zwar nichts, aber es ist ein wunderschönes Gefühl für sie, Winnie mit Zucker zu füttern und seinen Hals zu streicheln. Auch sie beschließt, dass sie das Pferd unbedingt haben muss, und der Kampf um Winnie beginnt.

Ach ja, das war jetzt also das fünfte Mal, dass ich diesen Roman gelesen habe. Natürlich gibt es doch ein paar Dinge daran auszusetzen, aber ich verbinde einfach eine ganze Menge mit diesem dünnen Büchlein. Nicht nur habe ich es damals so abgöttisch geliebt, dass ich es sogar für mein allererstes Referat in der 5. Klasse im Deutschunterricht auswählte, ich kann auch immer noch die Gefühle aufrufen, die es damals in mir ausgelöst hat, ganz so, als hätte ich es erst gestern und nicht vor über fünf Jahren das letzte Mal gelesen. Das ist so krass, dass ich gar nicht objektiv an den Roman herangehen kann. Mein Hass für Maren und mein Mitgefühl für Eva sind einfach so unglaublich tief verankert, dass ich gar nicht anders kann.

Aber warum ist das eigentlich so? Nun, auch wenn ich bis heute keine wirklich gute Reiterin geworden bin, so habe ich mich doch irgendwie immer mit Eva verbunden gefühlt. Sie verliert ihr Pflegepferd, weil es verkauft wird, findet dann ein Ersatzpferd – aber die Freude ist nur von kurzer Dauer. Denn da taucht auf einmal Maren auf. Maren, die einfach keine Ahnung von Pferden hat, aber meint, sie bräuchte eines als Schoßhündchen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, warum ich sie so sehr hasse. Sie besitzt einfach die Dreistigkeit, sich in die Beziehung zwischen Eva und Winnie zu drängeln. Damit erinnert sie mich an eine sogenannte ‚Freundin‘, die genau dasselbe getan hat: glatte zwei Mal hat sie mir mein neues Pflegepferd ausgespannt – aus welchem Grund auch immer. So wird Maren natürlich zum Feindbild Nummer eins. Allerdings ist Tante Inge auch nicht besser. Bis heute verstehe ich ihre Entscheidung nicht. Kein normaler Mensch, der etwas von Pferden versteht, würde sich auf so einen Handel einlassen.

Richtig gern habe ich aber Sophie und Tim. Erstere ist einfach ein wahres Goldstück – eine Freundin zum Pferdestehlen. Letzerer hat zwar zwischenzeitlich etwas sehr die rosarote Brille auf, doch wird ihm im Laufe des Romans so einiges klar und er muss schweren Herzens von seiner Kindheit Abschied nehmen und seinen eigenen Weg finden. Im Allgemeinen spielt das Erwachsen werden doch eine größere Rolle – ob es nun darum geht, Verantwortung zu übernehmen, sich selbst zu finden, oder eine Beziehung einzugehen.

Schön wäre es allerdings gewesen, wenn entweder die Autorinnen oder wenigstens die Lektoren etwas von Pferden verstanden hätten. Zwar danken die Autorinnen ein paar Menschen mit Pferdeverstand, allerdings bezweifle ich, dass diese jemals das Manuskript gelesen haben. Da sind mir doch vor allem zu Beginn ein paar haarsträubende Dinge aufgefallen:

  • „Ich verstaute die Bürsten und holte den Hufkratzer. Eigentlich war das bei Maja noch gar nicht nötig, weil sie heute gar nicht übers Gelände geritten war, aber ich wollte sie noch ein bisschen verwöhnen.“ (S. 6, Hervorhebung durch den Verfasser)
    Da weiß man ja gar nicht, wo man anfangen soll! Maja ist ein Pferd und ein Pferd reitet nicht, es geht Schritt, trabt oder galoppiert. Reiten tut derjenige, der oben drauf sitzt, weshalb dieser – Überraschung! – Reiter heißt. Korrekt müsste es also heißen ‚weil sie heute gar nicht übers Gelände geritten worden war‘ (wobei das eine sehr unglückliche Formulierung ist). Besser gleich ‚im Gelände gegangen war‘ oder ‚ausgeritten worden war‘. Außerdem würde ich Hufeauskratzen jetzt nicht zum Verwöhnprogramm zählen. Es ist zwar bei Arbeitsbelastung notwendig, um Verletzungen vorzubeugen, aber ein Pferd findet es trotz allem nicht sonderlich toll, wenn man ihm einfach ein Bein wegnimmt. Als Fluchttier hätte es am liebsten immer alle vier zur freien Verfügung und selbst wenn es gerade nicht ans Weglaufen denkt, sind vier Beine doch schöner, um das Gleichgewicht zu halten.
  • „Maja hatte eine wunderbare, lange, schwarze Mähne, die so gut nach Pferd roch.“ (S. 6, Hervorhebung durch den Verfasser)
    Na, da sie Teil des Pferdes ist, würde es mich auch wundern, wenn sie nicht nach Pferd riechen würde.
  • Jeder, der auch nur ein klitzekleines bisschen Ahnung von Pferden hat, nennt den Schweif niemals, aber auch wirklich niemals Schwanz, auch wenn er das natürlich ist. Aber im Fachjargon heißt er nun mal Schweif.
  • Winnie ist gerade mal drei Jahre alt, aber scheinbar perfekt eingeritten und ausbalanciert. Mal abgesehen von Rennpferden reitet man Pferde erst mit drei Jahren ein, mittlerweile wird das sogar noch etwas länger hinausgezögert bzw. langsamer angegangen. Selbst wenn er mit drei Jahren schon eingeritten wäre, dann doch nicht so, dass man einfach mir nichts, dir nichts mit ihm durch die Gegend sausen könnte.
  • Das heißt nicht SpringERpferd, sondern schlichtweg Springpferd.
Bibliographic Information
1998 by Omnibus
Paperback, 127 pages
ISBN-13: 9783570201589
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